Kinder hören nicht immer auf unsere Worte. Sie werden trotzdem von ihnen geformt.
Wie wir Ketten aus Angst für unsere Kinder schmieden, ohne es zu merken. Die Magie der Worte.
Wir alle wirken jeden Tag Magie. Ohne es zu wissen. Wir sprechen Worte aus, beiläufig, und merken nicht was wir damit tun.
Am Anfang war das Wort, heißt es. “Das Wort” hat unsere Welt geschaffen. Wir haben daraus Schall gemacht.
Du glaubst, ich übertreibe? Dann schau auf die, deren Welt unsere Worte von Anfang an formen.
Unsere Kinder.
Ich wollte sie stärken
Meine Tochter ist ein echter Wildfang. Energie ohne Ende, immer mit dem Kopf durch die Wand.
Sie klettert, sie fällt. Sie weint sich kurz aus, und dann ruft sie “Nochmal!” und probiert es wieder.
So war das, seit sie mit einem Jahr zu laufen anfing.
Ich hab sie immer für ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen bewundert.
Aber vor Kurzem hat sich irgendetwas verändert.
Seit einer Weile sagt sie “Ich kann das nicht.”, bevor sie es überhaupt probiert hat.
Und ich frage mich, was passiert ist.
Dass Worte Macht haben, ist mir schon länger klar, aber wie und wie sehr hatte ich offensichtlich nicht verstanden.
Einem Impuls folgend recherchierte ich etwas, das meine Frau mal erwähnt hatte. Dass es Kindern, die für ihr Handeln gelobt werden, besser geht als Kindern, die für ihr “Sein”, für eine Eigenschaft gelobt werden.
In meiner Arroganz hatte ich das einfach übergangen.
Ich dachte “Nur die Energie hinter den Worten zählt” und vergaß dabei, was ich tagtäglich bei anderen beobachte: die Worte sind ein Spiegel dessen was wirklich im Inneren eines Menschen vorgeht.
Wenn man sie ernst nimmt.
Der Unterschied scheint klein
Es ist wissenschaftlich gut belegt: Kindern geht es besser, wenn ihr Verhalten gelobt wird, anstatt einer Eigenschaft. Es macht einen Unterschied, ob ich “du bist mutig” sage oder “das hast du mutig gemacht”. Der Unterschied klingt klein. Aber er ist groß.
Die Theorie: wenn ein Kind sich über eine Eigenschaft definiert, bekommt es Angst, dieser Eigenschaft nicht gerecht zu werden.
Als ich darüber nachdachte fuhr die Erkenntnis wie ein Pfeil in meine Brust und mein Atem wurde schwer.
Es stimmt. Aber ich glaube, es geht noch viel tiefer.
Wenn sie glaubt mutig sein zu müssen um mein Bild von ihr aufrecht zu erhalten und deshalb Angst hat zu scheitern, dann ist der leichteste Ausweg, gar nicht erst anzutreten.
Einfach zu entscheiden: ich kann das nicht. Ich will das eigentlich gar nicht.
Die unsichtbaren Ketten meiner Worte hatten sie gefangen genommen.
Was war wirklich passiert? Angst entsteht nicht von alleine, aus “leeren” Worten.
Warum hatte ich sie so oft gelobt, ihr gesagt wie mutig sie ist?
Meine Kette
“Du kannst das nicht. Das kriegst du nicht hin. Das wird nie was.”
Das habe ich als Kind immer von meinem Vater gehört.
Und auch später, bei allen Plänen, Projekten und auch Jobs, die ich hatte. Nicht im Streit, nicht geschrien, manchmal nur ein Blick. Wie einen Fakt, den ein kleiner Junge nicht mehr infrage stellt.
Er legte meinem Geist Ketten aus Stahl an. Bis heute habe ich es anscheinend nicht geschafft, sie ganz abzustreifen.
“Ich kann das nicht.”
Diesen Satz kenne ich gut. Er sitzt tief in meinem Körper. Er hat mich Jahre gekostet, in denen ich neben dem Leben herlief, das eigentlich für mich bestimmt war.
Ich wollte immer etwas in der Welt bewegen. Aber ich hatte nie den Mut, mich alleine an die Front zu stellen.
Also habe ich mir Männer gesucht, die ihn hatten. Männer mit Visionen, die einfach lossprangen, während ich noch überlegte. Ich bin in ihren Projekten geblieben, lange nachdem ich hätte gehen sollen. Weil ihre Stimme die war, die ich mein Leben lang hören wollte.
“Wir schaffen das!”
Der gleiche Ort
Bei meiner Tochter wollte ich es anders machen. Sie sollte sich dieses Ja nie woanders suchen müssen. Sie sollte es von Anfang an in sich tragen.
Also gab ich ihr das Ja, das mir gefehlt hat. Du bist mutig. Du kannst alles. Du bist etwas Besonderes.
Aber wie schenkt man etwas, das man selbst nicht besitzt?
Ich hatte nichts zu geben. Also gab ich ihr Worte gefüllt mit meiner eigenen Angst.
Und habe ihr damit dieselbe Kette angelegt.
Ich hab sie nur vorher hübsch vergoldet.
Sein “du kannst das nicht” und mein “du bist so mutig” enden am selben Ort. Bei einem Menschen, der sich nicht traut, ehrlich und voll anzutreten.
Eine Kette, die sich über mindestens drei Generationen spannt.
Doch wenn selbst das Gegenteil die Kette nur weitergibt, wie sprengen wir sie dann?
Der Kosmos Mensch
Ich bin viele Male nach innen gereist. Und ich habe viele Menschen auf Reisen in ihr Innerstes begleitet.
In Coachings, in Zeremonien. In Nächten, in denen so viel Licht war, dass niemand mehr schlafen wollte. Und an Tagen, die so dunkel waren, dass keiner sie beim Namen nannte.
Ich habe gesehen, was in uns steckt. Welche Heiligkeit. Und welches Grauen.
In uns steckt alles. Sowohl Licht als auch Schatten. Der Heilige existiert in uns genauso wie der Henker.
Kein Mensch ist eine Eigenschaft. Jeder Mensch ist ein Kosmos an Potenzialen und Paradoxen.
Und genau daraus kommt die Erkenntnis meines eigenen verborgenen Hochmuts.
Meine Hybris
Wenn in jedem von uns alles steckt, mit welchem Recht beschreibe ich dann das Wesen eines Menschen mit einem Wort? Mit welchem Recht sage ich “du bist mutig” und tue so, als wäre das die Wahrheit über ein Wesen, das in jedem Moment anders ist, das genauso Angst hat und sich vielleicht mal nicht traut oder trauen möchte?
Was für eine Hybris. Ich nehme ein unendliches, heiliges Wesen, eines welches meinen Worten glauben schenkt, und sage ihm was es ist, und damit auch was es nicht zu sein hat.
Du sollst dir kein Bild von Gott machen, heißt es. Kein Abbild, keine Gestalt, kein Wort, das ihn fasst. Weil jedes Bild ihn kleiner macht als er ist.
Aber sind wir nicht alle Kinder desselben Gottes? Nach seinem Bild gemacht, wie es heißt?
Dann gilt dasselbe Gebot für meine Tochter. Für jeden Menschen.
Und ich mache mir jeden Tag ein Bild von ihr. Mit jedem “du bist”.
Ohne auch nur darüber nachzudenken. Jeden Tag. Immer wieder.
Weil es mir genau so beigebracht und angewöhnt wurde.
Gewohnheit ist hier vielleicht sogar der schlimmste Feind und die wahre Kette. Denn mit jedem Mal, wo ich das tue, mit jedem Mal, wo ich dieses Wesen beschreibe, schmiede ich ein weiteres Glied für ihre Kette, und für meine eigene.
Ich hab das alles nicht allein gesehen.
Meine Frau hat mir diesen Satz gesagt. Nicht als Vorwurf, nicht als Analyse. Sie konnte es damals wahrscheinlich selbst nicht genauer benennen, aber sie hat etwas gespürt und es für wichtig genug gehalten, es auszusprechen.
Ich hab es weggeschoben, ohne auch nur kurz nachzudenken.
“Die Energie hinter den Worten zählt doch”, dachte ich. Und war damit fertig.
So kommt man sich selbst davon. Mit einem Satz, der klug genug klingt, um nicht weiterzudenken.
So ist das mit den blinden Flecken. Sie heißen so, weil man sie nicht sieht.
Und deshalb braucht es oft jemanden von außen.
Jemanden, der den Spiegel hält und nicht weggeht, wenn es unangenehm wird.Das ist meine Arbeit. Ich halte den Spiegel. Die Antworten hast du selbst, so wie ich sie hatte. Ich hab sie nur nicht sehen wollen.
Wenn du gerade an so einem Punkt stehst und dir Unterstützung wünschst, schreib mir.
Das Gefäß
Worte sind das Gefäß unserer Energie. Wenn beides übereinstimmt, wenn ein Wort, das nach Liebe aussieht, auch Liebe trägt, dann hat es seine volle Kraft. Dann kann ein Wort ein Kind wirklich frei machen.
Aber ich habe ein Gefäß geschickt, das nach Liebe aussah, und Angst hineingefüllt.
Das ist schlimmer als das, was mein Vater tat. Bei ihm stimmten Gefäß und Inhalt überein. Ich konnte sehen, was er mir gab, und mich dagegen wehren. Ich wusste, woran ich war.
Ich habe ihr Goldmünzen angeheftet. Von außen sieht es aus, als hätte ich sie reich beschenkt. Sie schaut in den Spiegel und sieht, wie viel sie bekommen hat. Aber die Münzen sind Glieder einer unsichtbaren Kette, die sie an Ort und Stelle festhält.
Nur kann es fast niemand sehen. Sie sieht einen liebevollen Vater und spürt etwas anderes.
Sie weiß nur: irgendwas stimmt hier nicht.
Und hat keinen Namen dafür.
Der Zauber, der die Kette sprengt
In den Studien wurde einfach die Tat gelobt statt der Eigenschaft. Statt “Du bist mutig” ein “Das hast du mutig gemacht.” Es hatte signifikante Auswirkungen auf das Selbstvertrauen der Kinder.
Wieso? Diese Eltern haben sich garantiert nicht so viele Gedanken gemacht wie ich. Erleuchtet waren sie auch nicht. Reine Liebe konnten die auch nicht geben.
Was übersehe ich hier?
Eine leichtere Kette ist immer noch eine Kette. Was ein Kind tut, kann es leichter ändern als das, was es glaubt zu sein. Aber die Dynamik bleibt dieselbe. Wenn ich “das hast du mutig gemacht” sage, weil mir mein eigener Mut genommen wurde, dann schmiede ich weiter. Vielleicht ein wenig dünnere Glieder.
Der Fluch sitzt nicht im Satz. Er sitzt in mir. In der Angst, aus der ich spreche.
Warum also hatten die Studien solche Erfolge?
Die Eltern dort haben ihre Worte nicht geändert, um etwas in ihren Kindern zu erreichen. Sie bekamen nur die Anweisung: macht es mal so. Wir schauen, was passiert. Kein Ziel. Kein Ergebnis, das herauskommen sollte. Keine Erwartung.
Nur Neugier.
Und Neugier öffnet, wo Absicht schließt.
Die eigentliche Arbeit beginnt jetzt
Die Eltern in den Studien mussten nichts an sich ändern. Sie bekamen die Neugier von außen geschenkt, in Form einer Anweisung.
Ich muss sie selbst finden und der Gewohnheit widerstehen, die aus meiner eigenen Kette geboren wurde.
Oder platt ausgedrückt:
Ich muss an meiner Angst arbeiten und mein Bewusstsein erhöhen.
Das ist wahrscheinlich die wahrste und zugleich nutzloseste Erkenntnis die ich ständig habe.
Wo liegt der eigentliche Hebel?
Ein Glied bricht
Vor Kurzem haben wir auf einer längeren Fahrt in einem Hotel Halt gemacht. Meine Tochter hat dort zum ersten Mal allein in einem Bett geschlafen. Allein eingeschlafen, durchgeschlafen, allein aufgewacht.
Am Morgen, bevor ich irgendetwas sagen konnte, sagte meine Frau auf Englisch, damit die Kleine es nicht versteht, zu mir: “Mach keine große Sache daraus, wenn sie es nicht tut.”
Dieser Text hier war zu diesem Zeitpunkt schon fast fertig, das Thema frisch im Kopf. Doch verschlafen am Morgen hätte ich sie wieder gelobt und ihr gesagt wie toll und mutig sie ist, hätte meine Frau mich nicht gestoppt.
Ich hatte das nächste Glied schon in der Hand, bereit, es an ihre Kette zu hängen.
Was ich stattdessen tun sollte, wusste ich nicht. Also hab ich einfach geschaut. Wie geht es ihr damit? Was macht sie daraus?
Ihr Blick traf meinen, kurz, wartend, aber nicht fragend.
Das Glied in meiner Hand fiel zu Boden und... zerbrach.
Und meine Tochter musste nun selbst entscheiden was das war und was sie daraus macht.
Sie machte... gar nichts daraus. Sie kletterte aus dem Bett, und der Tag ging los wie jeder andere.
Als wäre es das Normalste der Welt.
Mir scheint, als wäre sie wieder ein kleines Stückchen freier seitdem.
In diesem Moment habe ich etwas verstanden:
Ich muss meine Angst nicht erst loswerden. Ich muss meine Worte nicht ändern. Ich muss auf keine “höhere Bewusstseins-Ebene” kommen.
Ich muss nur einmal die Klappe halten. Und hinschauen.
Aber das: Jeden Tag aufs Neue.
Das ist die Arbeit an meiner Angst, konkret, anwendbar.
Ich übe noch. Jeden Tag, bei jedem gemeinsamen Essen, bei jedem “gut gemacht”, das mir schon auf der Zunge liegt.
Manchmal halte ich inne. Manchmal nicht.
Aber ich schaue jetzt hin. Und ich bin froh, dass neben mir jemand sitzt, der auch dann hinschaut, wenn ich es mal wieder vergesse.
Herzlichst,
Dominik
Quellen
Mueller & Dweck, 1998 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9686450/)
Kamins & Dweck, 1999 (https://eric.ed.gov/?id=EJ586556)
Brummelman et al., 2017 (https://www.apa.org/pubs/journals/releases/xge-a0031917.pdf)


