Die Schwelle zur Freude ist nur eine Entscheidung: tausendmal, jeden Tag.
Zwischen Durchplanen und Treibenlassen: Ein ehrlicher Einblick vom Hof; mitten aus einer Veränderung, die ich selbst noch nicht ganz verstehe.
Seit wir auf unseren Hof gezogen sind, beschäftigt mich die Frage:
“Wie sollen wir das alles nur hinkriegen?”.
Dabei meine ich gar nichtmal unbedingt die große Vision. Aber für jemanden, der nie etwas Handwerkliches gelernt und immer eher mit dem Kopf gearbeitet hat als mit den Händen, sind ein 100 Jahre altes Haus und ein knapper Hektar Land eine große Herausforderung.
Mit meinen bisherigen Strategien komme ich hier jedenfalls nicht weit, soviel habe ich mittlerweile verstanden. Alles sorgfältig planen, Schritt für Schritt priorisieren und so weiter. Mit der Arbeit am Computer hat das funktioniert. Hier auf dem Hof mit Kindern und Tieren hat mir das Leben schon wieder drei Aufgaben serviert, die nicht aufgeschoben werden können, bevor ich mit meiner ersten Liste fertig bin.
Vielleicht glaubst du, eine Liste zu schreiben geht schnell? Grundsätzlich ja. Aber als jemand, der die Tendenz hat, alles zu zerdenken, kann ich dir sagen: so ein Hof ist ein ganz eigener Endgegner. Tausend kleine und hundert große Aufgaben. Es gibt keinen Weg, um wirklich fertig zu werden. Nur immer die wieder Frage, für was wir uns jetzt entscheiden.
“Rette ich die Wiese, bevor sich das Sängerkraut weiter ausbreitet und es uns jeden Abend eine gefühlte Ewigkeit kostet, unsere Hunde wieder von dessen Kletten zu befreien oder mache ich die Schwachstellen am Zaun zu wo einer der beiden theoretisch ausbrechen kann (und auch würde, wenn er einen Grund sieht wie zum Beispiel ein Reh auf Nachbars Wiese) oder baue ich die Gemüsebeete, damit wir nächstes Jahr einen weiteren Schritt zur Selbstversorgung gehen können oder ernte ich die Trauben, die grade kurz davor sind alkoholisch zu werden, …?”
So fing die erste Paralyse schon immer an mit der Frage, was denn überhaupt heute oder diese Woche das Wichtigste ist. Wenn ich dann eine Entscheidung treffe und loslegen kann, kommt aber oft noch etwas dazwischen. Meist ein Kind, oder zwei. Mein Plan? Gebrochen! Zerfetzt vom Leben.
Oft ging schon so viel Energie in diesen Plan, dass sein Verlust ein echter Schlag für mich war. Soweit sogar, dass ich es nicht mehr geschafft habe, wirklich präsent zu sein mit meinen Kindern. Sie waren ungewollte Störungen. Natürlich nicht nur und nicht hauptsächlich, aber reingezoomt auf das Thema hier waren sie oft genau das und das haben sie garantiert auch gespürt.
Zwischen der Angst, etwas wichtiges zu vergessen, die falsche Entscheidung zu treffen und der Frustration, dass meine Pläne immer wieder am Leben scheiterten, zerrieb sich fast meine gesamte Schaffenskraft zu Staub und mein Alltag wurde zur Qual.
Nur noch reagierend, rotierend, funktionierend.
In meinem Inneren hat sich viel getan in den letzten Wochen. Ich kann nicht mal genau sagen was, nur das ich seit Anfang dieser Woche anders durch den Tag gehe. Viele kleine Erkenntnisse und Entscheidungen haben sich zu einem Kipppunkt akkumuliert, in welchem “der Zerdenker” keine absolute Macht mehr über mich hat. Er ist nicht tot. Er klopft an, immer wieder, und versucht mich aufzuhalten - obwohl er eigentlich genau dasselbe will.
Aber immer wieder entscheide ich mich dafür, einfach nur “zu tun, was gerade dran ist und geht”.
Ich möchte voller Freude und Leichtigkeit im Leben aufgehen.
Nicht die “Happy-Hippie-Flow” Variante davon, sondern die, die sich den Herausforderungen des Lebens stellt und Verantwortung trägt.
Nehmen wir meine Kinder: sie sind Teil des Lebens, in dem ich aufgehen möchte voller Freude und Leichtigkeit. Werde ich das jetzt immer schaffen? Vermutlich nicht.
Neulich zum Beispiel hatte ich meinen 8 Monate alten Sohn bei mir. Für sein Alter spielt er schon relativ gut alleine und anstatt ihm, wie sonst, einfach dabei zuzuschauen und mich gefangen zu fühlen, hab ich ihn einfach geschnappt und bin in mein Arbeitszimmer gegangen.
Ich dachte mir: “kann ich ja zumindest mal wieder was für meinen Körper machen” und fing an, zu trainieren. Kein Plan, keine Sets, keine Reps. Keine Chance, denn ein 8 Monate altes Kind, welches relativ gut alleine spielt, tut dies halt trotzdem meist nur für wenige Minuten. Ich hab gemacht, was ging und wenn er Aufmerksamkeit wollte… hab ich gemacht, was ging, während ich Blickkontakt mit ihm gehalten habe. Er fand meine ungewöhnlichen Verrenkungen ziemlich lustig. Vielleicht war’s auch mehr eine kleine Zirkusaufführung für ihn, aber egal. Ich hab mich bewegt, meinen Körper aktiviert und wir hatten beide Spaß!
Einmal in Bewegung, war ich motiviert, weiter zu machen, sah meine Schamanen-Trommel, die eigentlich seit zwei Jahren endlich mal wieder geölt gehörte und machte mich an die Arbeit. In 2-Minuten-Schritten. So dauerte eine Arbeit, die eigentlich 20 Minuten gedauert hätte, eben eine Stunde.
Statt nur Zeit abzusitzen, um verfügbar zu sein, wenn mein Sohn Aufmerksamkeit braucht (voller Unruhe, weil ja eigentlich “Dinge” zu tun sind), habe ich so endlich mal wieder trainiert und einen Punkt von der Liste gestrichen, der seit zwei Jahren überfällig war.
Es war vielleicht nicht das Wichtigste oder Dringendste, aber es war das, was ging. Und es ging nebenher mit meinem Sohn und sogar mit Freude. Vor allem bei der Freude versteh ich nicht so recht, wo sie eigentlich plötzlich herkam und warum ich mich gerade an diesem Tag relativ leicht dafür entscheiden konnte.
Ich hab immer noch Angst… Angst, dass ich wichtige Dinge vergesse, wenn ich zu wenig plane und Angst davor, zu jemandem zu werden, der das Wesentliche aus den Augen verliert, weil er zu sehr im “Flow” ist.
Aber die Alternative ist auf der einen Seite, dass gar nichts passiert. Und auf der anderen Seite… nun ja, ich bin immer noch jemand, der die Dinge und die eigene Verantwortung eher zu ernst nimmt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein “Fließenlassen” mich so bald in die Verantwortungslosigkeit treibt, geht gegen null.
Viel mehr sollte ich die Verantwortung ernster nehmen, meinen Kindern vorzuleben, dass das Leben Spaß machen kann und nicht zerdacht werden muss.
Herzlichst,
Dominik Alexander

