Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich dir. Schön, dass du hier bist! Heute werde ich ein wenig über die geometrische Form unseres Lebens, unseres Lernens und der gesellschaftlichen Entwicklung sinnieren. Wie nah ich da an der Wahrheit bin? Keine Ahnung! Ich teile einfach meine aktuellen Gedanken und auch Fragen mit dir. In der heutigen Ausgabe vom Gedankenkaleidoskop geht es um:
Die gesunde Entwicklung von Abhängigkeit unter uns Menschen
Charakterbildung oder Ego-Tod
Was das alles mit deinem und meinem Leben zu tun hat
Eigentlich wollte ich diese Ausgabe mit einem kleinen Zen-Koan starten, leider habe ich es jedoch beim besten Willen nicht geschafft, ihn ausfindig zu machen, um ihn mit dir zu teilen. Letztendlich geht es um 3 Reisende, welche nacheinander den Meister fragten, ob Gott existiert und 3 verschiedene Antworten bekamen: "Ja", "Nein" und "Ich weiß es nicht". Als der Schüler des Meisters diesen fragte, warum er den 3 Reisenden unterschiedliche Antworten gab, gab der Meister zu verstehen, dass die Reisenden sich an unterschiedlichen Punkten ihrerer spirituellen Entwicklung befanden und deswegen verschiedener Wegweiser bedurften, um ihren Weg bestmöglich weiterzugehen. Im Original ist der Koan natürlich noch deutlich schöner ausgeführt, doch für mich beschreibt er eine wichtige Wahrheit:
Je nachdem, wo jemand steht, können zum Teil völlig gegenteilige "Wahrheiten" das Richtige sein.
Lass uns dies am Beispiel einer gesunden Entwicklung der Abhängigkeit von uns Menschen anschauen:
Wir werden geboren und sind abhängig von unseren Eltern. Als Jugendliche in der Pubertät werden wir uns von unseren familiären Banden lösen müssen, um unsere eigene Unabhängigkeit zu finden. Doch würden wir einem Kind im Vorschulalter raten, sich emotional von seinen Eltern zu lösen? Die meisten von uns entfernen sich hier bis ins junge Erwachsenenalter weiter von unserer Familie, bis wir "uns gefunden haben". In einer gesunden Entwicklung gehen wir dann mehrheitlich wieder einen Schritt auf unsere Familie zu, denn gemeinsam sind wir stärker. So leben wir dann, im besten Fall als klare Individuen, in einem gesunden Familienverbund. Bis wir uns einen Partner erwählen, mit dem wir, im besten Fall, in Synergie ein Leben schaffen, welches großartiger ist, als wir es alleine je zu träumen gewagt hätten. Doch sind wir hier natürlich voneinander abhängig und müssen uns vertrauen und aufeinander verlassen können, dass jeder seinen Teil zum Kunstwerk des gemeinsamen Lebens beiträgt. Im allerbesten Fall schaffen wir dann sogar gemeinsam neues Leben, welches von unseren Erfahrungen profitiert und, während es die gleichen Stadien der Ab- und Unabhängigkeit durchläuft, stärker, bewusster, liebevoller und auch erfolgreicher wird, als wir es waren.
Dieses Prinzip zieht sich durch jedes Leben wie ein Pendel. Oder ist es doch eher eine Spirale? Welche auf der Horizontalen immer wieder, wie ein Kreislauf, die gleichen Themen durchläuft und sich doch auf der Vertikalen immer ein Stückchen höher schraubt?
Charakterbildung oder Ego-Tod?
Nun, auch diese Frage lässt sich wohl nur relativ zu jedem einzelnen Menschen beantworten. Für mich war es als Jugendlicher unglaublich wichtig, mir eine Persönlichkeit (lat. persona = Maske) aufzubauen. Denn ich war völlig verloren im sozialen Gefüge unserer Welt; ohne Freunde, ohne Selbstvertrauen. "Sei einfach du selbst" hätte mir nicht geholfen, denn mein "Selbst" war erfüllt mit Angst - aber ich lernte, zu schauspielern und baute mir so eine Persönlichkeit, die von den Menschen um mich herum akzeptiert wurde. In diesem Prozess stellte ich mich meinen Ängsten und erfuhr, dass ich durchaus Einfluss darauf haben konnte, wie mein Leben verlief. Doch irgendwann verlor ich mich auch in der Rolle, die ich mir aufgebaut hatte. Ich hatte erfahren, dass ich mich und mein Leben zum Positiven ändern konnte, aber glücklich war ich nicht. Dafür war ein sehr schmerzhafter Prozess notwendig, in dem ich zum ersten Mal erkannte, dass alles, was ich mir aufgebaut hatte, ja jede meiner Handlungen bis zu diesem Zeitpunkt, von der Angst bestimmt war "nicht gut genug" zu sein. So starb die Persönlichkeit, das Ego, welches ich mir aufgebaut hatte, der Glaube, ich sei über meine früheren Ängste erhaben. Ich lernte, meine Gefühle wieder wahrzunehmen, die Ängste, die Zweifel, aber auch Freude und ... Frieden!
Auch dieses Prinzip zieht sich durch jedes Leben wie ein Pendel. Oder ist es doch eher eine Spirale?
Denn später war es immer wieder notwendig, meine Persönlichkeit zu schulen. Masken auszuprobieren, um meine Ziele zu erreichen und auch, um herauszufinden, welche Masken oder Teile davon vielleicht sogar mein wahres Wesen darstellten. Und es war auch immer wieder notwendig, diese loszulassen, um herauszufinden, was sich denn wirklich & wahrhaftig anfühlt.
Die Spiralen und Pendel der Gesellschaft
Auch im größeren Stil, der Entwicklung unserer Gesellschaft und der Menschheit, sehe ich die Pendelschwünge und Spiralen des Lebens. Wir gehen selbst in unserer offiziellen Geschichtsschreibung davon aus, dass bereits einige Zivilisationen und Hochkulturen entstanden und gefallen sind. In den letzten Jahrzehnten sahen wir einen starken Trend hin zur Globalisierung, doch mittlerweile sprechen immer mehr Menschen über die Wichtigkeit der lokalen Warenwirtschaft; ob nun aus klimapolitischer Sicht oder ganz simpel, um unabhängig von langen Lieferketten und anderen Ländern zu sein. Die Ballungsräume und Städte wachsen, Landflucht ist allgegenwärtig in der westlichen Welt, doch ich sehe auch, wie sich immer mehr Menschen wieder zurück zum ländlichen Raum orientieren und ein Leben im Einklang mit der Natur anstreben.
Fazit: Was hat das alles nun mit unserem Leben zu tun?
Ich möchte dir an dieser Stelle auf jeden Fall schon einmal dafür danken, dass du mir für diesen kleinen Exkurs deine Aufmerksamkeit geschenkt hast. Mir ist bewusst, dass diese Ausgabe weniger persönlich und deutlich abstrakter geworden ist als die letzte, doch halte ich dieses Konzept für essenziell und vor allem für sehr alltagstauglich. Denn viel zu oft gebe auch ich einen RatSCHLAG, der auf meiner aktuellsten Erfahrung basiert, ohne mir wirklich anzuschauen, wo der Mensch, dem ich meine Worte um die Ohren haue, gerade wirklich steht und was er braucht, um weiterzukommen. Dies soll also vor allem für dich und mich eine Erinnerung daran sein, dass es nicht die eine Wahrheit gibt, wenn wir jemandem helfen wollen. Wohl aber Wahrheiten, die uns oder den Menschen vor uns weiterbringen oder solche, die es nicht tun. Und oft hat dies nichts mit dem zu tun, was uns selbst zuletzt weitergebracht hat.
Wenn du siehst was ich meine, dann lass uns doch gemeinsam in Zukunft innehalten, bevor wir uns ein Urteil darüber erlauben, was jetzt gerade für jemanden anderen wichtig ist. Lass uns Fragen stellen und wirklich herausfinden, was der Mensch vor uns braucht. Vielleicht ist es ja sogar das Gegenteil von dem, was für uns gerade wahr und richtig ist?!
Außerdem möchte ich dir mit diesem Text auch einen kleinen Anstoß geben, einmal darüber nachzudenken, ob es vielleicht einen Bereich in deinem Leben gibt, in dem es sich lohnen könnte, umzudenken, um weiterzukommen? Denn gerade auch in der Arbeit mit meinen Klienten habe ich immer wieder erfahren, dass oft genau die Dinge, die sie erfolgreich dahin gebracht haben, wo sie waren, auch die Dinge waren, die sie davon abhielten, auf die nächste Stufe zu kommen. Sei es in der persönlichen Entwicklung oder im geschäftlichen Bereich.
So ging es zum Beispiel die letzten Jahre für mich viel darum, meine Persönlichkeit abzulegen und "einfach zu sein", doch bin ich nun an einem Punkt, an dem es für mich - wieder mal - darum geht, mir über meine Rolle, meinen Charakter klar zu werden und diesen herauszubilden.
Wie ein Pendel schwinge auch ich hier hin und her. Oder durchlaufe ich doch eher eine Spirale?
Wähle, welches Bild dir besser gefällt, je nachdem was dich gerade weiter bringt.
Herzlichst,
Dominik Alexander