Die Illusion zerplatzt
Ich saß am Tisch im Café, um mich herum eine Gruppe Männer, die mich voller Erwartung ansahen. Die meisten sahen zu mir auf, wollten von mir lernen, einige wünschten sich, so zu sein wie ich.
Doch keiner wusste, wie es wirklich in mir aussah. Wie viel Energie es kostete, die Fassade aufrechtzuerhalten. So zu tun, als würde mich nichts bewegen.
Ich meditierte seit Jahren, hatte alle weisen Worte der Buddhas verinnerlicht. Jeden Tag stand ich vorm Spiegel und sagte mir, wer und was ich war.
Bis ich mir glaubte.
Ich wusste es damals nicht besser. Ich glaubte mir meine Lügen. Wer ich war und wer nicht.
Die Wahrheit wäre zu schmerzhaft gewesen.
Doch davon hatte ich mich längst entkoppelt. Mein Leben war davon bestimmt, den Charakter, den ich spielte, aufrechtzuerhalten. Vor der Welt und auch vor mir selbst.
Das ging so lange gut, bis ich, völlig verliebt, verlassen wurde.
Der Schmerz, den ich fühlte, das Leid, waren so groß, dass die Fassade zersprang.
Aber ich hatte solche unwichtigen Dinge doch hinter mir gelassen.
Ich hatte gelernt, immer gelassen zu sein! Alle Sprüche hatte ich auswendig gelernt, aber keiner funktionierte mehr. Und gelassen war nichts mehr in mir.
Ich fühlte das Leid von vielen Jahren unterdrückter Gefühle. Jeden Tag.
Am Mittwoch war wieder unser - nennen wir es Stammtisch - sollte ich hingehen? Ich war ein Niemand. Nicht der, für den mich alle, inklusive mir, gehalten hatten. Was würden sie in mir sehen? Wen?
Stammtisch der Masken
Ich nahm meinen Mut zusammen und ging, und die Fassade baute sich Schritt für Schritt wieder auf. Mein Körper erinnerte sich an die eingeübte Gestik und Mimik. Meine Stimme war trainiert und brach nicht. Der Unterschied war: Ich sah diesmal, dass es nur Fassade war.
So saß ich leidend am Tisch, während die anderen den gleichen Mann sahen wie immer. Abgeklärt, gelassen, selbstbewusst und stark. Niemand sah die Lüge, die ich präsentierte.
Doch ich sah plötzlich ihre Lügen. Ihr verstecktes Leid. Sie trugen andere Masken als ich, aber Masken nichtsdestotrotz. Was ich an diesem Tisch, an diesem Tag sah, war ein Schauspiel. Masken sprachen mit Masken.
So verschlug es mich in die spirituelle Szene. Was ich dort sah, war ehrlich gesagt nicht besser. Gefühle wurden herumgereicht als Ausrede. Es wurde gemeinsam gesungen, getanzt, geweint und...
nichts verändert.
Die einen ignorieren das Leid in ihnen, die anderen reichen es herum und tragen es als Abzeichen.
Ich hatte keine Ahnung mehr wohin, ich wusste nur, wohin nicht mehr.
Leidest du noch oder lebst du schon?
Die Überschrift dieses Abschnittes ist gleichzeitig der Titel des Buches, welches mir von einem damaligen Freund empfohlen wurde. Das Buch faszinierte mich, weil es genau die Beobachtungen machte und mir gleichzeitig einen Weg aus dem Leid heraus versprach.
Keinen leichten. Keine 5-Schritte-Formel und keinen Quickfix.
Eher eine Haltung und Übungen. Disziplinen, die mich, täglich ausgeführt, dem Ziel näherbringen würden.
Der Autor lebte nur einen Ort neben Freiburg, wo ich damals wohnte und bot Ausbildungen in seiner eigenen Methode an.
Was wirklich in mir war
Das erste Wochenende war ein mentales Gemetzel. “Selbsterfahrung” nannte er es. Eine Teilnehmerin kam nach dem ersten Tag nicht wieder. Er zerlegte systematisch unser Selbstbild. Ich hielt mich für schlau, forderte ihn heraus, wand mich um seine Fragen. Ich hatte keine Chance.
Am Sonntagabend saß ich im Bus zurück nach Hause und konnte kaum meine Tränen unterdrücken. Ich hatte zum ersten Mal wirklich wahrgenommen, wie ich mich selbst wirklich sah, unter all den Masken. Für wie wertlos und unliebenswert ich mich wirklich hielt. Ich kam nach Hause, nicht mit einer zerbrochenen Maske, sondern als gebrochener Mann.
Doch ihn traf keine Schuld. Er hatte mich nicht zerbrochen. Das war ich schon vorher gewesen, er hatte mir nur meine Illusion genommen.
Und er gab mir das Werkzeug, um mich endlich um die Wunden zu kümmern, die mein Leben seit meiner Kindheit bestimmten.
“Warum bist du nicht glücklich?”
Das war der Tenor der Reaktionen, wenn ich versuchte, mich jemandem zu öffnen. Und ehrlich? Mein Leben sah ziemlich gut aus für einen jungen Mann Anfang 20. Ich hatte mich mit Freunden selbstständig gemacht. Wir hatten eine Community aus über 40 Menschen aufgebaut, die regelmäßig zu unseren Veranstaltungen kamen. Lokal! Nicht Online. Meine Woche bestand daraus, mit Freunden gemeinsam etwas zu erschaffen und am Wochenende zu feiern.
Aber ich fühlte mich elend. Ich war auch hoffnungsvoll, weil ich die Werkzeuge jetzt hatte und eine Karte, die mir den Weg in bessere Gefilde versprach. Aber das änderte nichts an meiner tiefen Überzeugung, nicht liebenswert zu sein.
Doch woher kam diese tiefe Überzeugung und das damit einhergehende Leid?
Ich kannte, dank der Ausbildung, die Antwort auf die Frage und versuchte, es ihnen begreiflich zu machen, aber die meisten wollten es gar nicht verstehen. Fast alle Menschen fühlen sich unwohl, wenn es dem Gegenüber schlecht geht.
Deswegen tragen sie lieber Masken. Deswegen haben die meisten Menschen entweder aufgehört zu erzählen, wie es ihnen geht, oder sogar aufgehört, es überhaupt zu fühlen.
Wenn du weißt, dass es dir schlecht geht, aber nicht warum oder wie du da rauskommst, bist du den anderen einen Schritt voraus. Denn wer aufgehört hat, überhaupt zu fühlen, hat den Kontakt zur Realität verloren. Er kann nicht an sich arbeiten, sondern nur an der Maske. Denn was darunter ist, kennt er nicht. Gleichzeitig sieht es bei genau diesen Menschen so aus, als wären sie glücklich und erfolgreich.
Es gibt eine Karte zum Glück?
Ja. Die gibt es. Ob sie dir gefällt, steht aber auf einem anderen Blatt.
Ich arbeite jetzt seit mittlerweile 12 Jahren mit Menschen und ich habe noch niemanden getroffen, dessen Leben nicht fühlbar besser wurde, wenn er das Prinzip, auf das ich gleich eingehen werde, angewendet hat.
Ich habe auch noch niemanden getroffen, der dadurch tatsächlich nur noch aus Licht und Liebe bestand und dessen Leben dadurch keinerlei Herausforderungen mehr barg.
Ehrlich? Wenn du das willst, bist du vermutlich auf dem falschen Planeten, mindestens aber in der falschen Zeit hier gelandet.
Ich sehe es so: Wir haben hier viele spannende Herausforderungen, die wir angehen können und müssen.
Deshalb funktionieren Methoden - oder auch nicht.
Es ist simpel. Entweder die Methode bringt dich näher und in Beziehung zu dir selbst oder nicht. So gut wie jede Methode kann das theoretisch.
Warum funktioniert es dann aber für dich und viele andere so oft nicht in der Praxis?
Oft fehlt der erste und eigentlich simpelste Schritt. Die Bestandsaufnahme. Wie geht es dir gerade wirklich? Was für Gedanken hast du? Was fühlst du?
Das ist deswegen wichtig, weil jede Karte (Methode) maximal nutzlos ist, wenn du nicht weißt, wo du bist. Oder glaubst, woanders zu sein.
Wenn du zum Beispiel Affirmationen nutzt, um so zu tun, als wärst du glücklich, während du dich fühlst wie ein Sack voller Rattenkot, dann ist das Realitätsverweigerung. Du läufst dann z.B. in eine dunkle Höhle während du glaubst den Berg zu besteigen.
Wenn du es nutzt, um zu fühlen, wie dein Körper auf die Sätze reagiert, findest du raus, wo du tatsächlich stehst.
Eine Beziehung ist Arbeit.
Selbst heute, gerade seit ich Kinder und einen Hof habe, erlebe ich immer wieder Phasen, in denen meine Beziehung zu mir leidet, weil einfach kein Raum dafür bleibt, sie zu pflegen. Das muss nicht mal bedeuten, dass ich keine Zeit habe. Eine Minute reicht oft aus, aber auch ich greife in diesen freien Minuten, wie so viele, zum Handy und fülle die Lücken, in denen wir Menschen früher keine Wahl hatten, als mit unseren Gedanken und Gefühlen zu sein.
Aber hey! Die neue Folge ungeskripted klingt spannend, da kann ich bestimmt was Wichtiges lernen!
So kommen wir nie zur Ruhe und fühlen nie, was wirklich in uns los ist und verlieren den Kontakt zu uns, unserem Körper und eigentlich damit auch zur realen Welt.
Die große Herausforderung heute ist, dass unsere Welt dafür gemacht ist, unsere Aufmerksamkeit und unseren Fokus zu verschlingen.
Aber Fakt ist, wenn du eine gute Beziehung mit dir selbst haben möchtest, ist das genauso viel, wenn nicht mehr Arbeit, wie wenn du eine gute Beziehung zu deinem Partner, deinen Kindern oder deinen Freunden haben willst. Es bedeutet: regelmäßig einchecken, Konflikte lösen und auch Spaß miteinander haben. Füreinander da sein.
Wann warst du das letzte Mal da für dich selbst?
Der treueste Hund der ganzen Welt
Stell dir vor, du wärst mit einem guten Freund so umgegangen. Du hättest ihn ständig verurteilt und kritisiert. Wenn es ihm schlecht ging und er dir davon erzählen wollte, hast du einfach dein Handy gezückt, um dich abzulenken und Kopfhörer auf die Ohren gepackt, um sein Schluchzen bloß nicht zu hören.
Wir alle haben das getan. Und tun es immer wieder. Zum Glück ist unser (emotionaler) Körper so treu wie der treueste Hund. Er wird sol ange den Kontakt suchen, bis er tot ist. Er kann nicht anders.
Die Frage ist, ob du auf seine Suche antwortest. Ob du bereit bist, für dich selbst Verantwortung zu übernehmen. Für deine Gedanken und deine Gefühle.
Das ganze Geheimnis
Was heißt das nun konkret?
Fühl dich. Fühl, was in dir vorgeht, und beobachte deine Gedanken. Behandle das, was du wahrnimmst, im ersten Schritt wie ein Gegenüber.
Und stell dir vor, dein Leben hängt davon ab, zu diesem Gegenüber eine gute Beziehung aufzubauen. Weil es so ist.
Du wirst es aushalten müssen, dass es dich hasst und hunderttausend Vorwürfe gegen dich hat. Du hast seine Schreie und sein Weinen hunderttausendmal ignoriert. Vielleicht hat es auch erstmal Angst vor dir, bevor es sich überhaupt traut, dir diese Vorwürfe entgegenzubringen.
Wie sich der Kontakt zu dir gestaltet, ist genauso individuell wie wir Menschen sind. Deswegen funktionieren viele Methoden immer wieder als “Glückstreffer”. Und danach oft nicht mehr.
Mach dich bereit!
Denn ich weiß sehr gut, wie qualvoll es sein kann, mit sich selbst zu sitzen.
Ich weiß noch sehr gut, wie mein ganzer Körper reagiert hat, als ich die ersten Male wirklich hingefühlt habe. Plötzlich ging meine Atmung schneller bis zur Hyperventilation, meine Brust zog sich fast schon schmerzhaft zusammen und vor meinem inneren Auge sah ich eine schwarze Wand aus Grauen, die einen niemals endenden Schmerz versprach.
Heute weiß ich: Es hört auf. Das tut es immer. Egal, wie groß die Wut zu sein scheint, die Trauer oder das Leid. Es hört wieder auf, wenn du es zulässt.
Aber auch heute bereite ich mich darauf vor, wenn ich merke, dass “etwas Großes” sich zeigen will. Denn es braucht Kraft, sich dem zu stellen.
Ein paar Krücken gefällig?
Am besten ist es, wenn du einen Menschen hast, dem du genug vertraust und der dich halten kann. Nichts gibt uns so viel Sicherheit und Kraft wie körperliche Nähe zu einem geliebten Menschen.
Das kann dein Partner sein, ein Freund oder eine Freundin. Wenn du niemanden hast, dem du genug vertraust, oder auch zusätzlich, haben sich für mich Räucherstäbchen, Duftkerzen, meditative Musik, Decken, Kissen, Wärmequellen usw. bewährt. Was immer sich in und an deinem Körper gut anfühlt.
Es ist keine leichte Aufgabe, eine Beziehung zu kitten, die jahrzehntelang brachlag. Es erfordert Kreativität sowohl im Umgang mit dir selbst als auch darin, Möglichkeiten zu finden, dir Kraft zu schenken für die “Sitzungen” mit dir selbst.
Ein paar wichtige Nuancen
Es bringt nichts von 0 auf 100 zu gehen. Wenn die Wand des Grauens vor dir steht und du Panik bekommst, geh nicht hinein, stell dich vielleicht nicht mal davor. Schau sie dir von weitem an. Es ist dein Geist, der sich dem annähert. Solange du es in Ruhe tust, hast du die volle Kontrolle darüber, wie schnell es geht. Lass dir Zeit! Lass es erstmal kurze Begegnungen sein. So kurz oder lang, wie du es aushältst, ohne dass es sich hinterher schlimmer anfühlt. Eine Minute jeden Tag kann ein Anfang sein.
Eine Sache noch, was den Umgang mit dir angeht: sei auch hier kreativ, tu was immer dir hilft. Vielleicht möchte dein Körper sich bewegen, schütteln, zittern... Lass es zu. Vielleicht hilft es mit dem Gefühl zu sprechen oder dir und “euch” Mut zu zusprechen.
Vielleicht hast du schon verschiedene Methoden “zur Heilung” ausprobiert. Genau hier ist der Punkt, an dem du sie tatsächlich gewinnbringend anwenden kannst. Immer darauf achtend, dass du dich fühlst. Dass du mitbekommst, wie dein Körper und dein Geist darauf reagieren. Wenn sich ein Teil von dir zurückzieht, hör auf und komm wieder, wenn du genügend Kraft hast, oder probier etwas anderes aus.
Wenn du das immer wieder tust, wird sich deine Welt verändern.
Weniger einsam, mehr allein
Heute habe ich keinen Stammtisch mehr. Die meiste Zeit bin ich auf meinem Hof. Oft alleine, und ja, es gibt auch die Momente, in denen ich mich einsam fühle. Aber wenn ich mich daran erinnere, zu fühlen und mit mir einzuchecken, dann bin ich es nicht mehr.
Herzlichst,
Dominik Alexander

